Hauptarchiv Bethel

220. Geburtstag der 1. Diakonisse Gertrud Reichardt

220. Geburtstag der 1. Diakonisse Gertrud Reichardt

Gertrud Reichardt war 48 Jahre alt, als sie am 20. Oktober 1836 in Kaiserswerth als erste Diakonisse der Neuzeit in das erste Diakonissenhaus eintrat. Sie war eine kluge, mütterliche Frau mit großem Pflichtgefühl, ausgeprägtem Sinn für Ordnung und höflichen Umgangsformen. Es zeigte sich bald, dass Pastor Peuchens Ansicht über ihre mangelnde Tauglichkeit als Diakonisse weitestgehend unbegründet war.

Geboren wurde sie am 3. September 1788 in Ruhrort als Tochter des Chirurgen Jakob Heinrich Reichardt. Ihr folgten noch vier Jungen und vier Mädchen nach. Im Haushalt und bei der Erziehung der jüngeren Geschwister hat sie viel mithelfen müssen. Später ging sie ihrem Vater und einem Bruder, der ebenfalls Arzt wurde, in der Krankenpflege zur Hand. Dabei sammelte sie viel Erfahrung in Seelsorge und Krankenpflege, so dass sie für das Amt der Diakonisse geeignet schien. Anfangs war sie jedoch unschlüssig, auf Fliedners Bitte als Diakonisse in Kaiserswerth einzutreten. Einerseits hatten ihr Bruder und Schwester abgeraten, aufs Ungewisse in ein damals noch unbekanntes Diakonissenamt einzutreten. Andererseits fand sie bei einem Besuch in Kaiserswerth das Diakonissenkrankenhaus noch ohne Einrichtung vor. Als sie beabsichtigte, wieder Heim zu fahren, kam mit der Post ein großes Paket mit Krankenpflegematerial. Sie sah darin einen Wink Gottes und versprach, im Laufe des Oktober 1836 zu kommen, wie Fliedner in seinen Lebenserinnerungen erzählte.

Am 20. Oktober, eine Woche nach der Eröffnung des Diakonissen- und Krankenhauses traf sie ein und wurde in aller Stille von Fliedner in ihr neues Amt eingeführt. Zunächst galt es, sich in sehr enge und ärmliche Verhältnisse einzuleben. Sie ließ sich durch die bescheidenen Anfänge aber nicht entmutigen, und diente mit Leib und Seele. Sie befolgte gewissenhaft die Anordnungen des Arztes und leitete die immer zahlreicher eintreffenden Probeschwestern mit Umsicht und Tüchtigkeit für den Diakonissenberuf an.

Nach fast zwanzig Jahren aufopferungsvoller Arbeit trat sie 1855 schweren Herzens in den Ruhestand, nachdem sie die Notwendigkeit dazu eingesehen hatte, wie sie der Anstaltmutter später gestand. Auch hierin war sie Vorbild, um des Dienstes und der Sache willen ohne Klage die eigene Person zur rechten Zeit in den Hintergrund treten zu lassen.

Am 13. Februar 1869 starb sie in Kaiserswerth. Wenn ihr auch die Gabe der Leitung und Organisation versagt blieb, so dass Fliedners Ehefrau die Vorsteherin des Hauses und der Schwesternschaft wurde und auch bleiben musste, so besaß sie doch die Gabe der Diakonie, des selbstlosen und allzeit opferbereiten Dienens.

Gabriele Göckel

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