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Diakonin – Öffnung der Diakonenanstalt Nazareth für junge Frauen

Öffnung der Diakonenanstalt Nazareth für junge Frauen
Erster Einsegnungsjahrgang der
Diakonen- und Diakoninnen 1979,
Quelle: Stiftung Nazareth

Im Herbst 1972 startete dann der erste Versuch mit einer koedukativen Unterklasse. In den 1960er Jahren wurde eine Reihe von Gemeindehelferinnen-Seminaren geschlossen. Damit fielen Ausbildungsmöglichkeiten für den Gemeindedienst weg. In der stationären Diakonie entstand ein größerer Mitarbeiterbedarf, weil die Einsatzfelder in der Pflege zunahmen. In diesem Zusammenhang wurden einige Diakonenanstalten gebeten, auch weibliche Mitarbeiter aufzunehmen. Da für die nächsten Jahre folglich auch die Zahl der Ausbildungsbrüder sinken würde, sah man keinen Grund, den gleichartig ausgebildeten Frauen den Titel „Diakonin“ und die Aufnahme in die Bruderschaft zu verweigern. In den skandinavischen Ländern, wie Schweden, Finnland und Dänemark, in der DDR und in einigen Bundesländern hatte man schon längst begonnen, Diakoninnen auszubilden.

„Diakon (Diakonin) ist, wer im Gottesdienst einer christlichen Gemeinde beauftragt wird, Menschen hauptberuflich zu helfen; eine kirchlich-theologische Ausbildung, in der Regel in Verbindung mit einer staatlich anerkannten sozialen Ausbildung abgeschlossen hat; sich als Christ auf seinen Platz gestellt weiß“. So heißt es in einem „Entwurf für eine Verordnung über das Amt des Diakons (der Diakonin)“ im Bereich der württembergischen Landeskirche, bearbeitet vom Arbeitskreis des Karlshöher Diakonieverbandes von 1971.

Das in Bethel beheimatete Brüderhaus Nazareth war die größte Gemeinschaft innerhalb der Deutschen Diakonenschaft. Die dortige Ausbildung richtete sich nach dem Diakonengesetz der EKU. Laut Beschluss des Herbstbrüdertages 1971 sollte in Nazareth im Herbst 1972 mit dem ersten Versuch einer koedukativen Unterklasse und die Aufnahme von Diakonenschülerinnen begonnen werden. Dem Mutterhaus Sarepta sollte aber mit der Ausbildung der Diakoninnen keine Konkurrenz entstehen, da Diakonissen anders als die künftigen Diakoninnen in einer ordensähnlichen Gemeinschaft leben.

Mit großer Mehrheit stimmten die Nazareth-Diakone dann auf dem Frühjahrsbrüdertag 1972 für eine künftige Ausbildung von Frauen in Nazareth. Zuvor mahnte jedoch der westfälische Präses Thimme in einem Brief an die Nazareth-Direktion, dass die offizielle Bestätigung der Bezeichnung „Diakonin“ noch einer gesamtkirchlichen Klärung bedürfe. Er hielt eine kirchenjuristische Absegnung der geplanten Diakoninnenausbildung zwischen dem Mutterhaus Sarepta und dem Brüderhaus Nazareth für unumgänglich.

Seit ihren Gründungen existierten in Bethel ein Diakonissenmutterhaus (1869) und eine Diakonenanstalt (1877) in enger räumlicher Verbindung zueinander. Auf dem Herbstbrüdertag  im Oktober 1971 hatte der Antrag für den Beginn einer Diakoninnenausbildung und weitere Bearbeitung dieses Themas in der Diakonissenanstalt „Überraschung und Verärgerung“ ausgelöst. Einerseits fühlte sich die Leitung Sareptas über die Sachverhalte von Nazareth nicht informiert, andererseits konnte man sich in Sarepta eine „dritte Schwesternschaft“ nicht vorstellen. Sarepta bestand aus der Diakonissenschaft und der Ravensberger Schwesternschaft. Wenige Tage nach dem Brüdertag wandte sich der Nazareth-Brüderälteste in einem langen Brief an die Vorsteherin Sareptas um eine rasche Beilegung des Konfliktes. Sein Hauptargument für die Einbeziehung der Diakonin in das Ausbildungsprogramm Nazareths war die ständig drückende Personalnot in der Anstalt Bethel. Außerdem hätte sich die Ausbildung von Diakoninnen in fast allen Bundesländern etabliert. Auch hatten die Ehefrauen der Diakone schon immer in der Geschichte der Nazareth-Bruderschaft eine tragende Rolle gespielt. Sie waren als Hausmütter, für die Hauswirtschaft und Unterstützung ihres Mannes in allen Belangen tätig.

Aus diesem historischen  Rückblick heraus sollten in Zukunft auch jungen Frauen dasselbe Ausbildungsangebot gemacht werden wie den jungen Nazareth-Brüdern. Weiterhin führte der Brüderälteste an, dass eine über kurz oder lang zu erwartende Änderung des Diakonengesetzes  mit Sicherheit die völlige Gleichstellung in allen Rechten und Pflichten für Männer und Frauen erbringen würde.

Der Brüderältesten-Brief an die Sarepta-Vorsteherin hatte Erfolg. Aus dem Diakonissenmutterhaus kamen keine weiteren Einwände gegen die künftige Diakoninnen-Ausbildung. Auch der Nazareth-Vorsteher Johannes Busch äußerte nochmals in einem Brief an Präses Thimme, in Nazareth in erster Linie durch die Situation der diakonischen Arbeit in Gemeinden, Anstalten und Heimen dazu herausgefordert zu sein, das Brüderhaus auch für Frauen zu öffnen und dafür einzutreten, dass neben dem Diakon das Amt und der Beruf der Diakonin eingeführt werden würde.

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