Hauptarchiv Bethel

Informationsblatt der Augustdorfer Werkstätten »Frohes Schaffen« aus dem Jahr 1955.

Die Beckhofsiedlung — Heimat für »Heimatlose Ausländer«

Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebten fast 9.000.000 so genannte »Displaced Persons« (DPs) auf dem Gebiet des untergegangenen Deutschen Reichs. Sie kamen vor allem aus Ost- und Südosteuropa. Nach einer groß angelegten Rückführung waren die meisten von ihnen bis 1949 in ihre Herkunftsländer »repatriiert«. Unter den noch verbliebenen »Heimatlosen Ausländern«, wie die DPs seit 1951 im amtsdeutschen Sprachgebrauch hießen, befanden sich zahlreiche Alte, Kranke und Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen. Für die Fürsorgebehörden galten sie als nur schwer ins Arbeitsleben und in die bundesdeutsche Gesellschaft integrierbar.

Das frühere Wehrmachtsgelände im lippischen Augustdorf entwickelte sich in diesen Jahren zu einer Heimstatt für über 2.000 Heimatlose Ausländer. Ihre Lebensbedingungen waren zum Teil katastrophal. Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel begannen ab 1953 mit Hilfsangeboten in Augustdorf. Ziel war es, durch sinnvolle Beschäftigung die wirtschaftliche und mentale Lage der Insassen zu verbessern. Das Betheler Engagement mündete 1958 in die Gründung der Beckhofsiedlung. Hier, am südöstlichen Rand der damaligen Gemeinde Senne II, lebten bald Angehörige von bis zu dreizehn europäischen Nationen mit ihren unterschiedlichen Glaubensrichtungen zusammen.

Aufsatz »Was sind „Heimatlose Ausländer“?«
Eine kurze Begriffsgeschichte« als PDF zum Download.

Quellenmaterial

Informationsblatt der Augustdorfer Werkstätten »Frohes Schaffen«

Informationsblatt der Augustdorfer Werkstätten »Frohes Schaffen« aus dem Jahr 1955. Die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel hatten es innerhalb eines Jahres geschafft, etwa 150 Heimatlosen Ausländern einen Arbeitsplatz bereitzustellen. (HAB, 2/16-10)
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Brief an die Gemeinnützigen Werkstätten »Frohes Schaffen«

Bethels Aktivitäten für die Heimatlosen Ausländer in Augustdorf wurden rasch national und international bekannt. Der Erfolg wurde mit großem Respekt zur Kenntnis genommen. Theodor Heuss, erster Präsident der Bundesrepublik Deutschland, schrieb im Januar 1955 diesen aufmunternden Brief an die Gemeinnützigen Werkstätten »Frohes Schaffen«. Bemerkenswert ist die Anrede, die, auf die übliche Form verzichtend, sich an die »Sehr geehrte(n) Männer und Frauen« in Augustdorf richtet. (HAB, BV 4,1)
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Schreiben vom Evangelischen Hilfswerk Westfalen

Das neu entstehende Bundesverteidigungsministerium meldete Mitte der 1950er Jahre Ansprüche auf das ehemalige Wehrmachtsgelände bei Augustdorf an. Für die dort Lebenden mussten neue Wohnungen gefunden oder gebaut werden. Im Februar 1955 erhielt der damalige Leiter der v. Bodelschwinghschen Anstalten, Pastor Rudolf Hardt, dieses Schreiben vom Evangelischen Hilfswerk Westfalen. Darin finden sich Informationen über die Finanzierungsmöglichkeiten einer Siedlung für Heimatlose Ausländer in der Gemeinde Senne II. Aus heutiger Sicht erscheinen die verwendeten Begrifflichkeiten inakzeptabel. So wird ohne Bedenken von einem »Programm zur Endlösungen für ausländische Flüchtlinge« berichtet. (HAB, 2/16-10)
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Einladung zur Grundsteinlegung

Im Sommer 1957 konnte mit dem Bau der Siedlung auf dem Gelände des ehemaligen Beckhofes bei Dalbke begonnen werden. Wie aus der abgebildeten Einladung zur Grundsteinlegung am 25. Juli des Jahres hervorgeht, waren Unterkünfte für mehr als 200 Heimatlose Ausländer aus dem Lager Augustdorf geplant. Sie sollten in Einzelwohnungen und einem Altersheim untergebracht werden. In einem neuen Werkstattgebäude wollte man die Arbeit der Gemeinnützigen Werkstätten »Frohes Schaffen« fortführen. (HAB, 2/16-4)
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Urkunde Richtfest

Bereits am 8. November 1957 fand das Richtfest für die Beckhof-Wohnsiedlung statt. Am selben Tag verlötete man eine Dose mit dem Original dieser Urkunde und versenkte sie im Grundstein des noch zu bauenden Alters- und Wohnheimes. (HAB, 2/16-5)
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Im Frühjahr des Jahres 1958 entstand dieses Foto der neuen Beckhofsiedlung.

Im Frühjahr des Jahres 1958 entstand dieses Foto der neuen Beckhofsiedlung. Der Blick geht aus südwestlicher Richtung auf die Wohnhäuser mit ihren gerade erst gedeckten Dächern. Dahinter sind die Wipfel der großen Eichenallee sichtbar, die direkt zum alten Beckhof führt. (HAB, Fotosammlung, A 25)
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Schreiben vom nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialministerium

Während der Bauphase entwickelte man Pläne zur Eingliederung des Beckhofes in die neue Siedlung. Es war immerhin das älteste Bauerngehöft weit und breit. Ein Gemeinschaftshaus und kulturelles Zentrum sollte hier entstehen. Mit diesem Schreiben vom 20. Mai 1958 signalisierte das nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialministerium seine Bereitschaft, sich an den veranschlagten Umbaukosten von 200.000 DM zu beteiligen. (HAB, 2/16-5)
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Notiz

Im Vorfeld der offiziellen Einweihung am 14. November 1958 besuchten zahlreiche Menschen die Beckhofsiedlung, um sich ein Bild von der im Bundesgebiet einzigartigen Einrichtung zu machen. Wie aus dieser Notiz hervorgeht, war der für die russisch-orthodoxen Christen zuständige Erzbischof Philoteus aus Hamburg insbesondere vom Altersheim und der Briefmarkenabteilung angetan. Er selbst wünschte sich, ab seinem 70. Lebensjahr dort zu wohnen und zu arbeiten. Offenbar hatte der Erzbischof ganz konkrete Vorstellungen davon, ab wann ein Mensch »alt« ist, in ein »Altersheim« gehört und nur noch Briefmarken sortieren kann. (HAB, 2/16-7)
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Foto aus den 1960er Jahren zeigt einen der typischen Arbeitsplätze

Schon bald nach dem Umzug der Werkstätten »Frohes Schaffen« aus Augustdorf in die neuen Räume der Beckhofsiedlung gelang es, weitere Auftraggeber aus der Industrie zu gewinnen. Zu den Miele-Werken gesellten sich die Anker-Werke aus Bielefeld, eine Bielefelder Kartonagenfabrik und für eine begrenzte Zeit die Firma Dr. August Oetker. Dieses Foto aus den 1960er Jahren zeigt einen der typischen Arbeitsplätze: eine Arbeiterin bohrt Löcher in vorgefertigte Werkstücke. (HAB, Fotosammlung, A 71)
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Schriftstück: Spende einer Glocke für die Beckhofsiedlung

Mit der Einweihung der ganz aus Holz erbauten Beckhofkirche ging am 12. September 1962 für viele ein Herzenswunsch in Erfüllung. Denn nun verfügten die Angehörigen der unterschiedlichen christlichen Glaubensbekenntnisse der Beckhofgemeinschaft über je eigene Gottesdiensträume. Die Kosten des Baus waren durch Beihilfen, zinslose Darlehen und Spenden gedeckt. Um eine Spende handelte es sich auch bei dem kleinen Glöckchen, das zu den Gottesdiensten rief. Es war von der Firma »Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation Aktiengesellschaft« (BVG) kostenfrei gegossen und geliefert worden. (HAB, 2/16-9 a)
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Dankschreiben

Auch das Erzbistum Paderborn beteiligte sich an den Kosten der Beckhofkirche. Immerhin war einer ihrer vier Räume den römisch-katholischen Gottesdiensten vorbehalten. Mit diesen Zeilen bedankten sich die v. Bodelschwinghschen Anstalten beim Erzbischof Lorenz Jäger für die Überweisung von 10.000 DM. (HAB, 2/16-9 a)
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Einweihung der Beckhof-Kirche

Zur Einweihung der Beckhof-Kirche fanden sich am 12. September 1962 zahlreiche Ehrengäste ein. Dazu gehörten Prälat Baumjohann für das Erzbistum Paderborn, der damalige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Ernst Wilm, Erzbischof Philoteus für die russisch-orthodoxe Kirche und Erzpriester Milan Jovanovic für die serbisch-orthodoxe Kirche. Auf dem Foto sieht man die Würdenträger in der ersten Reihe sitzend (zweiter von links bis fünfter von links). (HAB, Fotosammlung, F 352)
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Beckhof-Kirche 1967

Dieses Foto entstand im Jahre 1967 und zeigt die Beckhof-Kirche aus nordwestlicher Richtung. Sie wurde von der Düsseldorfer Firma »Schwedenhausbau« ganz aus Holz errichtet. Eine besondere Rolle in diesem Ensemble spielt der separat stehende Glockenturm. Er soll in seiner Erscheinung deutlich an die typischen Bauten der Ostkirchen erinnern. (HAB, unverzeichneter Fotobestand zur Beckhofsiedlung)
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Dankschreiben

Die britische Organisation »The Wings of Friendship« kümmerte sich seit 1944 um die »Displaced Persons« in Europa. Am 24. April 1963 bedankte sie sich beim damaligen Betheler Anstaltsleiter Pastor Friedrich von Bodelschwingh III für die Aufnahme von sechs Patienten aus dem Regensburger St. Josef-Krankenhaus im Wohnheim der Beckhofsiedlung. Es handelte sich um Heimatlose Ausländer mit teilweise schweren Behinderungen. (HAB, 2/16-9 a)
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Nachricht des Vertreters des Hohen Kommissars für Flüchtlinge bei den Vereinten Nationen in Bad Godesberg

Nachdem am 2. Juli 1965 der umgebaute alte Beckhof als Gemeinschaftszentrum seiner Bestimmung übergeben worden war, trafen zahlreiche Danksagungen und Ermunterungen an die Leitung der v. Bodelschwinghschen Anstalten ein. Darunter befand sich auch diese Nachricht des Vertreters des Hohen Kommissars für Flüchtlinge bei den Vereinten Nationen in Bad Godesberg. Er erkannte in dem neu eröffneten Haus einerseits den Abschluss einer langjährigen Entwicklung, andererseits aber auch den Neuanfang eines nun eigenständigen Gemeinwesens namens Beckhofsiedlung. (HAB, 2/16-9 a)
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Luftbild 1967

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre waren die größten Bauvorhaben der Beckhofsiedlung vorläufig abgeschlossen. Dieses Luftbild zeigt, mit Blick nach Norden, unten rechts den umgebauten alten Beckhof und die Wegmarkierungen für die 1967 eingeweihte Minigolfanlage. In der Bildmitte ist der Glockenturm der Beckhof-Kirche erkennbar, links von ihm die neu entstehende Gärtnerei und darüber die Häuser der Wohnsiedlung. Rechts davon befindet sich der langgestreckte Bau des Wohnheims. Daran schließt sich das Altersheim an. Ganz oben, an der Schlinghofstraße, liegen die Werkstätten »Frohes Schaffen«. Sie erfuhren ab 1977 ihren weiteren Ausbau. (HAB, Fotosammlung, F 365)
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