Hauptarchiv Bethel

Vor 70 Jahren: Dr. Christine von Griesheim in Bethel zur Oberärztin ernannt

Vor 70 Jahren: Dr. Christine von Griesheim in Bethel zur Oberärztin ernannt

Obwohl sie als Abteilungsärztin de facto schon längst „den selbständigen Dienst eines Oberarztes versah“, dauerte es noch drei Jahre, bis „dem Antrag von Fräulein Dr. Christine v. Griesheim, als Oberärztin angestellt zu werden“ am 1. Juli 1940 stattgegeben wurde. Diese Zeit hatten sich ihre Vorgesetzten auch deshalb gelassen, um Erkundigungen bei anderen Krankenhäusern und übergeordneten Stellen einzuholen, wie man dort in der Angelegenheit „weibliche Oberärzte“ verfuhr.

Einmütigkeit herrschte überall in dem Grundsatz, Oberarztstellen vornehmlich an männliche Bewerber zu vergeben, da diese Familien gründen und ernähren müssten. Weibliche Ärzte sollten daher „nur in einem bescheidenen Anteilsverhältnis in derartige gehobene Stellen einrücken.“ Ganz dem konservativen Frauenbild entsprach zudem das Vorurteil, Frauen seien zu wenig objektiv. Deshalb würde es bei leitenden Ärztinnen immer wieder Probleme geben, „namentlich dem Personal gegenüber.“ Im Juli 1940 aber konnte Dr. von Griesheim trotz aller Widerstände ihren Dienstvertrag als erste Oberärztin in der Anstalt Bethel vom Vorstand entgegen nehmen.

Über Margarethe Christine Luise Helene Barbara von Griesheim – so lautete ihr vollständiger Name – ist nicht viel Privates bekannt. Einige wenige Fakten nannte sie in ihrem an Pastor Friedrich von Bodelschwingh d. J. gerichteten Bewerbungsschreiben vom 13. März 1934, das in ihrer Personalakte überliefert und im Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel archiviert ist. Geboren am 9. Dezember 1901 in Düsseldorf, wuchs Christine von Griesheim zusammen mit zwei älteren Brüdern auf. Beide kamen im Ersten Weltkrieg ums Leben. Auch ihre Eltern lebten zu dem Zeitpunkt, als sie sich in Bethel bewarb, schon nicht mehr.

Dr. Christine von Griesheim hatte ihr Staatsexamen 1932 in Jena abgelegt und dort auch promoviert. Im Praktischen Jahr sammelte sie an verschiedenen Berliner Krankenhäusern Erfahrungen in der Inneren Medizin, der Chirurgie und der Gynäkologie. Danach arbeitete sie als Volontärärztin, u. a. an der Berliner Charité, wo der Psychiater und Neurologe Prof. Karl Bonhoeffer, der Vater des Theologen Dietrich Bonhoeffer, zu ihren Lehrern gehörte. Am 1. Juli 1934 wurde Dr. Christine von Griesheim als Assistenzärztin in der Anstalt Bethel eingestellt, ein Jahr später zur Abteilungsärztin ernannt.

Der Berufseinstieg für Frauen, insbesondere in höher qualifizierten Berufen, war infolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten massiv erschwert worden. So diente auch eine neue Kassenzulassungsordnung für Ärzte dazu, Frauen aus dem Arztberuf zu verdrängen. Sie benachteiligte Ärztinnen vor allem bei der Eröffnung einer eigenen Praxis. Ledige Ärztinnen, wie Dr. von Griesheim, sollten erst dann zugelassen werden, wenn alle verheirateten männlichen Bewerber im jeweiligen Bezirk schon berücksichtigt waren. Verheirateten Ärztinnen aber drohte der Entzug ihrer Kassenzulassung.

Von modernen Universitätskliniken hielt von Griesheim nicht viel: „In den Universitätsbetrieben erlebt man ja doch meistens die Enttäuschung, dass sich das Interesse fast nur auf den ‚Fall’ richtet, während die Persönlichkeit oft in zweiter Linie kommt, wenn ihr überhaupt Beachtung geschenkt wird,“ schrieb sie an Pastor von Bodelschwingh. Im religiös geprägten Milieu Bethels, wo die Arbeit “fernab von allen künstlichen Schranken allein der biblischen Forderung des Nächsten gilt“, müsste sich ärztliche Tätigkeit dagegen am schönsten entfalten, beschrieb sie ihre Motivation.

Neben der Schulmedizin interessierte sie sich auch für alternative Therapieformen und behandelte mit Hilfe der Akupunktur. „Es ist mir immer wieder beglückend, Menschen mit der Akupunktur noch helfen zu können, die oft lange erfolglos mit den üblichen Mitteln der westlichen Medizin behandelt wurden“, formulierte sie 1954 in einem Brief an Pastor Rudolf Hardt, den damaligen Leiter der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Von Griesheim war im westfälischen Raum lange Zeit die einzige Ärztin, die auch die Diplomprüfung in Akupunktur abgelegt hatte.

Dr. Christine von Griesheim arbeitete bis zum 30. Juni 1968, dem Beginn ihres Ruhestandes, als Nervenärztin im Betheler Krankenhaus Mara. Während dieser Zeit konnte sie den rasanten Fortschritt in der Epilepsiebehandlung miterleben. Auch die Eröffnung der modernen Epilepsieklinik, die das alte Aufnahmehaus für anfallskranke Männer, Frauen und Kinder im Jahr 1962 ersetzte, fiel in ihre Amtszeit. Christine von Griesheim starb 1981 im Alter von 79 Jahren in Bethel.

Beate Böhm

Zur Internetseite www.bethel.de