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Rundgang durch Eckardtsheim

In der westfälischen Senne liegt der kleine Ort Eckardtsheim mit seinen knapp 2.000 Einwohnern. Er ist Wohnort, Arbeitsort und historisches Zeugnis sozialer Entwicklungen der letzten 150 Jahre. Einige Häuser und besondere Orte in Eckardtsheim wurden im Rahmen eines Rundganges mit Hinweistafeln ausgestattet, die einen Ausschnitt aus der Geschichte dokumentieren. Ausführlichere Informationen zu diesen Orten finden Sie hier auf dieser Seite.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.

Einleitung

Einleitung

Eckardtsheim – heute eine Ortschaft mit 2.000 Personen, davon leben etwa 650 in Einrichtungen der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

Die Entwicklung von Eckardtsheim begann im Jahr 1882. Auf einen Hof in der Senne zogen arbeits- und obdachlose Wanderer ein: Wilhelmsdorf, die erste Arbeiterkolonie im Deutschen Reich entstand. Die Initiative war von Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) ausgegangen. Er war seit 1872 Leiter der Anstalt Bethel, die im Jahr 1867 am Rand der Stadt Bielefeld ihre Arbeit aufgenommen hatte. Schon kurz nach Gründung der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf wurden in der Senne weitere Höfe und Ländereien angekauft. Die Betheler Arbeitsgebiete Epilepsie und Psychiatrie sollten nun auch in der ländlichen Umgebung der Senne angesiedelt werden. Hier war noch genügend Platz, um die Betheler Arbeit auszudehnen. Auch ganz neue Arbeitsgebiete kamen hinzu. So entstanden die Trinkerfürsorge, die Arbeit mit Fürsorgezöglingen oder die Tbc-Heilbehandlung. Innerhalb von zwei Jahrzehnten wuchs eine blühende Zweiganstalt heran: die Sennekolonie oder Zweiganstalt in der Senne – wie sie anfangs hieß. Im Februar 1899 ging der Name Eckardtsheim, der schon lange als postalische Bezeichnung genutzt wurde, auf die gesamte Zweiganstalt über.

Eckardtsheim ist ein Geschichtszeugnis besonderer Art. Es steht für den historischen Wandel zahlreicher diakonischer Hilfefelder. Diese Entwicklung lässt sich ganz lebendig an den einzelnen Häusern nachspüren. Keine allgemeine sozial- und gesellschaftspolitische Veränderung, keine Reform, die nicht auch in Eckardtsheim ihre Spuren hinterlassen hätte. Eckardtsheim erlebte eine dynamische Gründungsphase, ging durch Jahre wirtschaftlicher Stabilität genauso wie durch Jahre finanzieller Krisen. Die Anstalt machte zwei Weltkriege mit, und im Nationalsozialismus waren die hier lebenden Menschen durch die Rassenpolitik massiv bedroht. In der allgemeinen Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg kamen neue Arbeitsfelder hinzu. Die Aufbauphase der 1950er/1960er Jahre ließ auch Eckardtsheim erheblich anwachsen. Nach einer Zeit der Stagnation im medizinischen und psychiatrischen Bereich kam seit Anfang der 1970er Jahre ein umfassender Prozess von Umstrukturierung und Professionalisierung ins Rollen. Jahrzehntelang hatte der Gedanke der langfristigen Beheimatung innerhalb der Anstalt die Ausrichtung in Bethel bestimmt. Davon löste man sich zunehmend und setzte auf die Eingliederung der Bewohner und Bewohnerinnen in ihr gewohntes Umfeld. Seit Ende der 1980er Jahre ist die Entwicklung durch Konzepte der Regionalversorgung und der gemeindenahen Ausrichtung von Hilfebereichen gekennzeichnet. So hat sich die Zahl der Plätze in Eckardtsheim stetig verringert. Stattdessen intensivierte Bethel den Aufbau von regionalen teilstationären und stationären Angeboten.

Seit 1964 hatte Eckardtsheim den Status einer Teilanstalt. Nach einer konsequenten Umstrukturierung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel existiert Eckardtsheim seit dem 1. Januar 2002 in seiner ehemaligen Form als Teilanstalt nicht mehr weiter. Die Einrichtungen sind in neu gegründete Stiftungsbereiche der Gesamtanstalt übergegangen. Um aus der Anstalt die Ortschaft weiterzuentwickeln, wurde und wird Wohnbebauung, Gewerbe und Dienstleistung vorangetrieben.

Als diakonisches Gemeinwesen war Eckardtsheim immer christlichen Grundsätzen verpflichtet. Das ist auch heute noch so. In der Vision und den strategischen Entwicklungsschwerpunkten der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel „Gemeinschaft verwirklichen“ heißt es: „Unsere Vision gründet im christlichen Glauben und beruht auf der Achtung der unbedingten Würde jedes einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes.“

Stand: 03/2018

1 Eckardtskirche

1 Eckardtskirche

Die Grundsteinlegung der Eckardtskirche führt uns in das Jahr 1889 zurück. Zu der noch jungen Betheler Zweiganstalt in der Senne gehörten bereits verschiedene Einrichtungen. Hier lebten Männer, die arbeits- und wohnungslos waren, eine Epilepsie oder psychische Erkrankung hatten oder alkoholkrank waren. Nach und nach entwickelten sich die einzelnen verstreut liegenden Höfe und Häuser zu einer Siedlung. Kernelemente einer diakonischen Einrichtung, wie Friedhof und Kirche, gehörten selbstverständlich dazu.

Seit 1888 gab es den Friedhof, neben der Kirche wurde 1897 das Pfarrhaus gebaut. Der Standort der Kirche bildete fast den zentralen Punkt der ersten Höfe, die in der Senne angekauft wurden und auf denen dann die Arbeiterkolonie und die ersten Heil- und Pflegehäuser entstanden.

Zunächst hieß das Gotteshaus Eckardtskapelle. Von dem ursprünglichen Bau ist kaum noch etwas erhalten. Das heutige äußere Erscheinungsbild der Eckardtskirche ist auf das Jahr 1961 zurückzuführen. Durch Um-, An- und Erweiterungsbauten wurde die Kirche immer wieder den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Sie ist bauliches Zeugnis einer stetig wachsenden Anstalt. Von anfangs rund 250 Plätzen wuchs die Eckardtskirche auf 1.500 Plätze im Jahr 1961. Benannt ist die Kirche nach dem verstorbenen Ehemann der Witwe Rosine Eckardt aus Naumburg a.d. Saale. Sie hatte für den Bau einer Kapelle 6.000 Mark gestiftet. Im Februar 1899 ging der Name auf die gesamte Anstalt über. Zwei Jahre zuvor hatte die Zweiganstalt einen eigenen Pfarrer und Leiter bekommen. Bis dahin oblag dem Betheler Anstaltsleiter Friedrich von Bodelschwingh d.Ä. die seelsorgliche Betreuung und die Leitung.

Vor und neben der Kirche fanden über viele Jahre hinweg die Jahresfeste statt, die seit 1956 nicht mehr zusammen in Bethel gefeiert wurden. Später kam das beliebte Jekamifest hinzu. Mittlerweile haben sich andere Feste entwickelt und sind an die Stelle getreten: Eckardtsheim mittendrin mit Biergarten und Kunstausstellung und Sportveranstaltungen oder der Weihnachtsmarkt.

Tipp: Der weitläufige Friedhof hinter der Kirche bildet mit seiner Parkfläche eine würdige Ruhestätte für die verstorbenen Einwohner und Einwohnerinnen Eckardtsheims. Hier laden einige Gräber dazu ein, sich mit der Geschichte von Eckardtsheim vertraut zu machen.

Das heutige Erscheinungsbild der Eckardtskirche ist auf das Jahr 1961 zurückzuführen.

 

 

2 Thekoa

2 Thekoa

Thekoa war zunächst ein Stall der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf. Der Stall wurde 1902 umgebaut, um hier eine Trinkerheilstätte einzurichten. Die erste Trinkerheilstätte in Eckardtsheim geht auf das Jahr 1888 zurück. Das Haus Thekoa war für alkoholkranke Männer aus den „unbemittelten Ständen“ gedacht.

1909 baute man an die damalige „Trinkerheilstätte“ Thekoa einen Saal mit 300 Plätzen an. Damit war ein kirchengemeindliches Zentrum geschaffen: Kirche, Friedhof, Pfarrhaus und Saal. Der Thekoasaal war der Versammlungsraum für Eckardtsheim. Hier fanden verschiedene Veranstaltungen statt: Aufführungen des Kirchen- und Posaunenchores, Theaterspiele, Filmvorführungen, Ausstellungen und Ausflüge der Mitarbeiterschaft aus Bethel. In einem Teil des Gebäudes entstand 1950 eine Kaffeestube, die bestehen blieb, bis 1975 im Freizeitzentrum eine Kaffeestube eingerichtet wurde.

Das Haus und der Thekoasaal stehen stellvertretend für die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, der auch in einer ländlichen Umgebung wie Eckardtsheim seine Spuren hinterließ. In den damaligen v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel entstand seit Kriegsbeginn ein Reservelazarett. Dafür wurden in Eckardtsheim das Haus Thekoa, genauso wie die Häuser Eckehard und Eichhof, als psychiatrisch-neurologische Abteilung genutzt. Das Haus Gute Hoffnung fungierte als Lazarettstation für lungenkranke Soldaten. Als sich seit 1942 die Luftangriffe über Deutschland verschärften, wurden einige Eckardtsheimer Häuser als Ausweichkrankenhäuser für das Kinderkrankenhaus Bethel, für Abteilungen des Städtischen Krankenhauses Bielefeld und für das katholische St. Franziskushospital aus Bielefeld genutzt.

In der Nachkriegszeit diente Thekoa als Altenheim für Flüchtlinge und Vertriebene. Das war eines der neuen Arbeitsfelder, die Eckardtsheim in der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg übergangsweise zuwuchsen. Außerdem nahm man in Eckardtsheim Displaced Persons, Flüchtlinge, Vertriebene, Jugendliche aus der Sowjetischen Besatzungszone und Kriegsversehrte auf. Zum Teil entwickelten sich daraus auch für die Zukunft neue Arbeitsfelder. So liegt hier eine Wurzel für die Altenarbeit in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

Als Ende der 1970er Jahre neue Einrichtungen in der Altenhilfe entstanden, etwa das Haus Elim (1977) oder das Boysenhaus (1978), wurde ein Teil von Thekoa mit geistig behinderten Frauen und Männern belegt. Im Jahr 1990 gab man den Teil, der noch Altenheimbereich in Thekoa war, dann ganz auf.

Heute wird das Haus als Internat vom „Förderzentrum Mensch & Pferd e.V.“ genutzt.

 

 

3 Wilhelmsdorf

3 Wilhelmsdorf

In Wilhelmsdorf begann die Arbeit der späteren Ortschaft Eckardtsheim. Auf einem großen Hof mit ausgedehnten Ländereien entstand 1882 die erste deutsche Arbeiterkolonie. Hierher kamen arbeits- und wohnungslose Männer und fanden für einige Monate Unterkunft und Beschäftigung. Sie hatten sich einem streng reglementierten Arbeitsalltag zu unterwerfen. So sollten sie auf die Eingliederung in das Arbeitsleben vorbereitet werden.

Industrialisierung und Urbanisierung hatten viele soziale Probleme mit sich gebracht. Die evangelische Wohlfahrtspflege versuchte auf die Wohnungs- und Arbeitslosigkeit zu reagieren, indem sie ein Netz von Arbeiterkolonien aufbaute. Das christlich-konservativ motivierte Fürsorgekonzept stand unter dem Leitgedanken „Arbeit statt Almosen“.

Die Männer in der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf hatten in der Anfangszeit vor allem die brachliegenden Flächen zu kultivieren und die wasserundurchlässige Schicht aufzubrechen. Danach wurde die Senne fruchtbar. Wilhelmsdorf entwickelte sich zu einem großen landwirtschaftlichen Betrieb und zu einem kleinen Dorf im Dorf.

Im Nationalsozialismus unterlagen Wanderer und Obdachlose einer rigiden Verfolgungspolitik. Nach Wilhelmsdorf kamen immer weniger Kolonisten. Doch die Ernährung der Patienten und Patientinnen in Bethel und Eckardtsheim musste aufrechterhalten werden. So leisteten während des Zweiten Weltkriegs zwischen 23 und 40 vorwiegend russische Kriegsgefangene, die landwirtschaftliche Arbeit. Sie waren direkt in einem Arbeitskommando in Wilhelmsdorf untergebracht.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Wilhelmsdorf eine Arbeiterkolonie. Erst die Reformdiskussionen in der Wohnungslosenhilfe der 1980er Jahre führten zu einer Umorientierung. Die stationären Angebote liefen nach und nach aus. An deren Stelle traten dezentrale Hilfeangebote und ambulante soziale Dienste. Das Jahr 1999 brachte dann das Ende der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf als stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe.

Wilhelmsdorf war im Laufe seiner Geschichte immer Ausgangspunkt vieler Feste. Ein besonderer Höhepunkt im Jahr war das Erntefest, das in Wilhelmsdorf seinen Ausgangspunkt und auf der Bruchwiese sein Ziel fand. Noch heute gibt es das Erntedankfest auf Gut Wilhelmsdorf, das von den Pächtern, den Nachbarn des Hofes und der Zionsgemeinde gestaltet wird.

Heute befindet sich auf dem Gelände unter anderem das Altenheim Boysenhaus. Der größte Teil des Geländes, der Gebäude und die gesamte Landwirtschaft sind verpachtet oder verkauft. Der Biolandbetrieb „Gut Wilhelmsdorf“ hat sich hier etabliert.

 

 

4 Schule

4 Schule

Weil die Zahl der Kinder in Eckardtsheim stetig wuchs, entstand am Schlepperweg im Jahr 1903 eine öffentliche Volksschule. Das Schulwesen in Eckardtsheim hatte schon 1897 begonnen. Zu dieser Zeit wurde auf dem Gelände von Wilhelmsdorf eine kleine Privatschule errichtet.

Zunächst besuchten fünf Kinder von Anstaltsmitarbeitern die Schule. Sie wurden von Lehrern unterrichtet, die als Kolonisten in der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf lebten. Die Lehrer wechselten allerdings zu häufig. So kam 1901 Wilhelm Schlepper als erster Lehrer an die Privatschule. Die zunehmende Zahl von Kindern im stetig wachsenden Eckardtsheim machte es nötig, eine öffentliche Volksschule zu errichten. Sie entstand 1903 am jetzigen Schlepperweg. 

In den 1950er und 1960er Jahren erfolgten zahlreiche Umbauten am Schulgebäude. Von 1966 an diente die Schule nur noch als Grundschule, 1975 wurde sie komplett aufgelöst. Vorübergehend war der Schulkindergarten Sennestadt im Gebäude untergebracht, bevor dort 1979 eine Förderschule eingerichtet wurde.

Seit 1979 ist die Schule am Schlepperweg eine Förderschule.

 

 

5 Handwerkerhaus

5 Handwerkerhaus

Das Haus Heidsitz war ein Handwerkerhaus, das im Jahr 1904 erbaut wurde. Eckardtsheim war durch die Pflegehäuser stetig gewachsen. So entstanden auch zahlreiche Handwerksbetriebe. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts baute die Anstalt kleine Häuser mit großer Gartenfläche. Die Handwerkerfamilien konnten hier wohnen und gleichzeitig Gartenbau für die Selbstversorgung betreiben.

Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe rundeten die Entwicklung zu einer voll versorgungsfähigen, eigenständigen Siedlung ab. Von Anfang an nahmen die meisten Handwerksbetriebe auch Aufträge außerhalb des Anstaltsbereichs an. Es entstanden eine Bäckerei (1894), ein Maurergeschäft (1895), ein Malergeschäft mit Glaserei (1899), eine Tischlerei (1899), ein Waschhaus (1899), eine elektrische Zentrale (1899) und später noch eine Schuhmacherei (1919) und eine Schneiderei (1920). Auch wurde schon im Jahr 1886 eine Poststelle eröffnet und später ein Unterpostbeamtenhaus mit Postausgabe gebaut. Der seit 1914 bestehende Lebensmittelladen Tamar war von besonderer Bedeutung für die Versorgung der in Eckardtsheim lebenden Menschen. Seit 1903 wurde der Feuerschutz sichergestellt und eine Anstaltsfeuerwehr gegründet, die auch heute noch sehr aktiv ist.

Bis heute haben sich einige Handwerksbetriebe erhalten. Seit den 2000er Jahren siedelten sich auch Betriebe an, die eigenständig wirtschafteten. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen.

 

 

6 Sennekanzlei

6 Sennekanzlei

Dort, wo heute die Sennekanzlei steht, war früher die Senneökonomie, auch Sennehütte genannt. Seit 1900 wurden zwei kleine Kotten ausgebaut und dort Schweine, Kühe und Pferde untergebracht. Wiesen und Weiden für den landwirtschaftlichen Betrieb kamen hinzu. Die landwirtschaftlichen Produkte aus der Senneökonomie verwendete die nahe gelegene Senneküche zur Ernährung der Patienten.

In der Senneökonomie fanden vor allem die „Pfleglinge“ aus den beiden Häusern Jericho und Megiddo Beschäftigung. Während die landwirtschaftlichen Produkte, die in der Senneökonomie entstanden, in der Senneküche verwertet wurden, konnten im Gegenzug die Küchenabfälle an die Schweine in der Senneökonomie verfüttert werden.

1933 löste man die Senneökonomie auf. In dem Gebäude entstanden unter dem Namen Deutsches Haus ein Kinosaal und Versammlungsräume für die NSDAP. Außerdem war hier der Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt untergebracht.

In der Nachkriegszeit lebten in dem Haus Flüchtlingsfamilien. Von 1952 bis 1963 wurden Jugendliche aus der DDR aufgenommen – für einige Jahre ein neuer Arbeitsbereich Bethels. Das Haus hieß in dieser Zeit Sennejugendheim. Die Pflegevorschule, die seit Mitte der 1960er Jahre vorübergehend hier untergebracht war, schloss im Jahr 1971 ihre Pforten. Dann zog die Sennekanzlei in das Gebäude – die Verwaltung für die Anstalt Eckardtsheim. Das Gebäude trägt seitdem den Namen Sennekanzlei.

In den Anfangsjahren von Eckardtsheim war die Verwaltung noch direkt im Wohnhaus des Anstaltsleiters untergebracht. So hatte das 1897 erbaute Pfarrhaus auch ein Anstaltsbüro. 1905 wurden dort weitere Verwaltungsräume angebaut. Doch mit steigender Verwaltungsarbeit wuchs der Bedarf an funktionalen Räumen. Durch die Einrichtung der Sennekanzlei 1971 entstand zum ersten Mal ein eigenes, zentrales Verwaltungsgebäude.

Heute wird die Sennekanzlei als Bürogebäude genutzt.

 

 

7 Jericho

7 Jericho

An dieser Stelle wurde 1898 das Haus Jericho für Männer mit einer psychischen Erkrankung errichtet. Es war das erste Haus der Betheler Zweiganstalt in der Senne, das die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen aufnahm.

Schon rund ein Jahrzehnt bevor Jericho entstand, gehörte die Psychiatrie zu einem festen Bestandteil des Hilfeangebots in Bethel. Zeitgleich zum Haus Jericho wurde rechts nebenan das Haus Megiddo für Männer einer Epilepsie gebaut.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich Jericho zu einer Einrichtung für schwer und langfristig psychisch erkrankte Männer. Jericho steht als Beispiel für Entwicklungsphasen in der Psychiatrie. Die gängigen Behandlungsmethoden von Isolierzellen über Dauerbäder bis zu Elektroschockbehandlungen waren auch hier üblich. Seit Mitte der 1950er Jahre setzte sich die medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka immer weiter durch. Gleichzeitig wurden psychisch Kranke stärker in ihrer Individualität wahrgenommen. Doch das riesige, kasernenartig wirkende Haus hatte Schlafsäle mit bis zu 24 Betten. Das brachte Lärm und Unruhe mit sich. Rückzugsmöglichkeiten für die Menschen, die oft über Jahre und Jahrzehnte hier lebten, gab es keine. Der Baustil war ein großes Hindernis für neue therapeutische Konzepte und Wohnformen. 1964 entstand ein Neubau, genannt Pavillon. Über 100 Plätze konnte Jericho anbieten. Das alte Gebäude wurde 1969 abgerissen. 1971 konnte an dieser Stelle ein Neubau eingeweiht werden, der zeitgemäße Förderungs- und Therapiemaßnahmen zuließ.

Doch die nächste Reformphase stand schon vor der Tür: Anfang der 1980er Jahre wurden das Haupthaus und der so genannte Pavillon umgebaut. Zweibett- und Einzelzimmer entstanden; gleichzeitig reduzierte man die Anzahl der Plätze für die Bewohner. In ganz Eckardtsheim, wie auch in der Mutteranstalt selbst, wurden in den psychiatrischen Einrichtungen Plätze abgebaut. Diese Entwicklung geschah vor dem Hintergrund der Reformdiskussionen in den 1980er und 1990er Jahren. Dezentralisierung, Enthospitalisierung oder ambulant vor stationär – diese Schlagworte stehen für eine Neuorientierung in der Psychiatrie. Verstärkt setzten sich dezentrale Hilfeangebote und kleinere Wohnformen durch. Das heute betriebene Konzept der gemeindenahen Psychiatrie begann sich abzuzeichnen. Seit Mitte der 1990er Jahre suchte man für alle Bewohner und Bewohnerinnen des Haues Jericho neue Perspektiven. Jericho wurde geschlossen.

Heute sind in dem Haus eine Wohngruppe, Büroräume und im ehemaligen Pavillon der Kindergarten untergebracht.

 

 

8 Begegnungs- und Freizeitzentrum

8 Begegnungs- und Freizeitzentrum

Das Begegnungs- und Freizeitzentrum wurde 1927 als Heilerziehungsheim Eckehardt gebaut. Schon vorher hatte es in der Senner Zweiganstalt immer wieder Ansätze der Jugendfürsorgeerziehung gegeben. Das Haus war ein Neubau und entstand nach den damals modernsten pädagogischen Grundsätzen.

Jeweils sieben bis acht Jugendliche sollten in vier Gruppenwohnungen zusammenleben und eine Erziehungsfamilie bilden. Statt eines gemeinsamen Speisesaals war jede Abteilung mit einem eigenen Wohn-, Ess- und Küchenbereich ausgestattet. Ausdrücklich setzte man auf das Zusammenwirken von Pädagogen, Seelsorgern, Psychologen und Ärzten. Als Konzept der Arbeitserziehung blieb weiterhin die Garten- und Feldarbeit; doch einen breiten Raum sollte der Schulunterricht einnehmen.

Gleichzeitig trieb man in Bethel und Eckardtsheim die Qualifizierung der Diakone für die Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen voran. Im Haus Eckehardt entstand 1926/27 eine Erzieherschule in Trägerschaft der Diakonenanstalt Nazareth.

Seit 1931/32 kamen wegen der allgemeinen Finanzkürzungen im Deutschen Reich kaum noch Jugendliche in die Fürsorgeerziehung. Die verbliebenen Jugendlichen wurden in die Betheler Zweiganstalt Freistatt im Kreis Diepholz verlegt. 1935 musste die Erzieherschule schließen. Im Haus Eckehardt lebten seit einem Umbau 1934/35 psychisch kranke Männer. Während des Zweiten Weltkriegs war das Haus Lazarettabteilung und nach dem Krieg wurden hier psychisch kranke Displaced Persons behandelt.

Seit 1947 nutzte man Eckehardt wieder für die Fürsorgeerziehung. Dabei wurde nahtlos an die autoritären pädagogischen Konzepte aus der Vorkriegszeit angeknüpft: Achtung-Kommandos beim Betreten der Aufenthaltsräume, Antreten vor der Arbeit, marschierende Arbeitskolonnen; als Strafmaßnahmen waren weiterhin das Kahlscheren des Kopfes und die Isolierung in Zellen üblich.

Erst im Laufe der 1950er Jahre fand eine grundlegende Neuorientierung der lange vernachlässigten Erziehungsarbeit statt. Als Konsequenz wurde 1960 der Lutherhof gebaut und 1969 das Haus Neu-Eckehardt eröffnet. Das Haus Alt-Eckehardt beherbergte seit 1972 das Freizeitzentrum.

Heute gibt es in Eckardtsheim noch einige Angebote der Jugendhilfe. Überwiegend leben die jungen Menschen in Wohngruppen in der ganzen Region verteilt. Das alte Haus Eckehardt wird heute als Begegnungs- und Freizeitzentrum genutzt.

 

 

9 Antoni Kepinski, Philippi, Kana

9 Antoni Kepinski, Philippi, Kana

Die Häuser Antoni Kepinski (früher Mahanaim), Philippi und Kana wurden 1959/60 mit mehr als 200 Plätzen für Frauen mit Epilepsie, schweren Mehrfachbehinderungen und psychischen Erkrankungen gebaut. Zum ersten Mal kamen langfristig Frauen in das als Männeranstalt geltende Eckardtsheim. Mit einer kleinen Kirche, einer Großküche und einer eigenen Werktherapie entstand ein Siedlungskomplex, der ein abgeschirmtes Eigenleben der Frauen ermöglichte. Schon in der Planungsphase entstand der Name „Frauenprovinz“.

Zwar wurden im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit einige Eckardtsheimer Pflegehäuser für die Unterbringung von Frauen benutzt, doch das galt stets als Ausnahme.

Anfang der 1960er Jahre mussten in der Ortschaft Bethel aus baulichen Gründen die drei Frauenpflegehäuser – Mahanaim, Kana und Klein-Bethel, später Philippi – weichen. Sie sollten in abgeschotteter Randlage von Eckardtsheim neu entstehen. In allen drei Häusern waren Frauen untergebracht, die meist längerfristig hier lebten. In Kana lebten an Epilepsie erkrankte, in Philippi schwer und mehrfach behinderte und in Mahanaim psychisch kranke Frauen. Während die Bewohnerinnen von Kana und Philippi die neuen hellen Räume viel besser fanden als die engen Betheler Häuser, fiel den Frauen aus Mahanaim der Umzug schwer. Viele der „gemütskranken“ Frauen hatten den Wunsch, weiterhin an Veranstaltungen in Bethel teilnehmen zu können. Auch in Eckardtsheim wollte man – wenn schon Frauen – dann lieber „schwächere Kranke“. Durch Umverteilung kam es schließlich dazu, dass die „frischeren Patienten“ in der Ortschaft Bethel bleiben konnten, während schwerer psychisch erkrankte Frauen nach Eckardtsheim verlegt wurden.

Die „Frauenprovinz“ wurde von Diakonissen aus der Diakonissenanstalt Sarepta geleitet. Zu den Häusern gehörten auch drei Schwesternwohnheime. Bis auf den Arzt und den Hausmeister gab es nur weibliche Mitarbeiterinnen. Das änderte sich ab Mitte der 1970er Jahre. Die Diakonissenanstalt konnte die Leitungsstellen nicht mehr aus den eigenen Reihen besetzen. So rückten zunächst Diakone aus der Diakonenanstalt Nazareth nach.

Doch für Lockerungen bei der nach Geschlechtern getrennten Betreuung war die Zeit erst Mitte der 1980er Jahre reif. Damit begann die Integration der Frauen in das Alltags- und Gemeindeleben von Eckardtsheim.

Heute leben im Antoni-Kepinski-Haus mehrfach beeinträchtigte Menschen mit einer chronischen Abhängigkeitserkrankung. Kana ist ein Haus für Menschen mit herausforderndem Verhalten, und im Haus Philippi befindet sich die Schule für Ergotherapie des Evangelischen Klinikums Bethel.

 

 

10 Elim

10 Elim

Mit dem Haus Elim begann eine neue Phase in der Altenhilfe Bethels. Bis Ende der 1960er Jahre war der Anteil der älteren Menschen, die mit einer Epilepsie, geistigen Behinderung oder psychischen Erkrankung in Eckardtsheim lebten, deutlich angestiegen. Um auf ihre Pflegebedürftigkeit eingehen zu können, wurde 1977 das „Altenkrankenheim“ Elim mit über 100 Plätzen eingeweiht. Rasch entwickelte sich Elim zu einem Haus für schwerstpflegebedürftige Menschen und spezialisierte sich auf die Gerontopsychiatrie.

In den 1960er Jahren rückte die professionelle Versorgung alter Menschen immer mehr in den Fokus des Gesundheitssystems, denn im Altenhilfebereich herrschte sowohl bei der Qualität wie auch bei der Quantität ein echter Notstand. So legte die nordrhein-westfälische Landesregierung Ende der 1960er Jahre ein umfangreiches Finanzierungsprogramm für sogenannte Altenkrankenheime auf. Häuser, die zwischen Krankenhaus und Altenheim angesiedelt sein sollten – ein damals neues Konzept in der stationären Altenarbeit.

In Bethel begann mit den Überlegungen zum Bau von Altenkrankenheimen eine neue Dimension in der Arbeit: Es ging um Menschen mit einer Epilepsie, geistigen Behinderung oder chronisch psychischen Erkrankung, die alt geworden waren. Bis dahin galt es als mehr oder weniger selbstverständlich, alte und junge Bewohner und Bewohnerin in einem Haus zusammen zu betreuen. Doch durch die gestiegene Lebenserwartung war die Zahl der alten Menschen in den Betheler und Eckardtsheimer Pflegehäusern deutlich angestiegen, und das war auch für die künftigen Jahre zu erwarten.

1969 wurde entschieden, zwei Altenkrankenheime zu bauen: eines in Bethel für Frauen und eines für Männer in Eckardtsheim, der traditionellen Männeranstalt. Doch die Finanzierung war schwieriger als ursprünglich geplant und die Eröffnung der Häuser zog sich noch Jahre hin – so lange, dass sich die Trennung der Häuser nach Geschlechter überlebt hatte. Sowohl in Emmaus, das 1977 in Bethel eröffnet wurde, wie auch in Elim, zogen Männer und Frauen gemeinsam ein.

In Elim war all das verwirklicht worden, was zur damaligen Zeit als hochmoderner Standard in Altenheimen galt: Einzel- und Zweibettzimmer, alle Stationen waren mit dem Fahrstuhl zu erreichen und für die verschiedenen physiotherapeutischen Anwendungen gab es eine Massage- und Bäderabteilung, die so groß konzipiert war, dass sie die Kassenzulassung erhalten und auch von außen genutzt werden konnte.

Ursprünglich waren lediglich 25 Prozent der Plätze für schwerstpflegebedürftige ältere Männer und Frauen gedacht. Doch die Nachfrage entwickelte sich sofort genau in diese Richtung – und darauf stellte sich Elim rasch und flexibel um. Bereits zehn Jahre nach der Eröffnung waren mehr als 80 Prozent der Menschen im Haus schwerstpflegebedürftig. 

Heute ist Elim ein Haus für Männer und Frauen mit demenziellen Erkrankungen, gerontopsychiatrischen Beeinträchtigungen und schwerer somatischer Pflegebedürftigkeit. Zudem gibt es Plätze für jüngere Menschen mit hirnorganischen Schädigungen, die umfassende Dauerpflege benötigen.

 

 

11 Werkstatt am Bullerbach

11 Werkstatt am Bullerbach

Die Werkstatt am Bullerbach wurde 1992 in Betrieb genommen. Sie ist ein Zeichen für die Entwicklung behindertengerechter Arbeitsplätze. Schon immer hatte man die Bewohner in Eckardtsheim so weit wie möglich mit Arbeit beschäftigt: vor allem in der Landwirtschaft und in den Gärten, aber auch in den Handwerksbetrieben oder in der Verwaltung. Seit Ende der 1950er Jahre kamen zunehmend Montagearbeiten für die Industrie hinzu. Eine Welle von Werkstattgründungen setzte ein.

Von jeher bewirtschafteten die Patienten in Eckardtsheim die Ackerflächen, arbeiteten in den Gärten und Obstplantagen, versorgten das Vieh oder reinigten die Straßen von Laub, Müll und Schnee. Andere waren in den Handwerksbetrieben tätig oder konnten für Schreib- und Verwaltungsarbeiten eingesetzt werden. Alle sollten eine möglichst ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit bekommen. Aus diesen Ansätzen hat sich die heutige Arbeits- bzw. Beschäftigungstherapie zunehmend differenzierter entwickelt. Dabei spielten vor allem die pädagogisch-therapeutischen Aspekte eine Rolle. Früher mehr noch als heute, war die Arbeit der Patienten auch ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor.

1957 entstanden im Haus Jericho die ersten Werkstatträume, später Tarsus genannt. Die Patienten wurden mit Weben, Korbflechten und Laubsägearbeiten beschäftigt; sie stellten Zementplatten und Betonpfähle her. Mit dieser ersten Werkstatt setzte in der Mitte der 1960er Jahre eine Welle von Neugründungen ein. Ställe, Scheunen und Kellerräume in direkter Anbindung an die Pflegehäuser wurden zu Werkstätten umfunktioniert. Seit Anfang der 1970er Jahre änderte sich das Werkstättenkonzept, es entstanden zweckgerichtete Neubauten.

Nach und nach erprobte man neue Formen des Miteinanders: Junge und ältere Menschen mit verschiedenen Behinderungen, Männer und Frauen gemeinsam, arbeiteten in den Werkstätten. Begleitet wurde und wird die Arbeit durch sportliche und musische Angebote.

Nach ersten Ansätzen der einzelnen Werkstätten, ihre Produkte gemeinsam zu vermarkten und gemeinsam Aufträge zu akquirieren, schlossen sich 1984 die über 500 Werktherapieplätzen zu einer WFB (Werkstatt für Behinderte) unter einer Geschäftsführung zusammen. Die in den Werkstätten beschäftigten Menschen sind kranken- und rentenversichert und haben Anspruch auf berufliche Fördermaßnahmen.

Heute betreibt der Stiftungsbereich proWerk die WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen).

 

 

12 Ophra

12 Ophra

Im Jahr 1890 wurde das Haus Ophra bezogen. Es war zunächst für leicht geistig behinderte Jungen mit einer Epilepsie gedacht. Ophra war das erste Haus in der Senner Zweiganstalt, das nicht aus einer alten Hofstelle entstand, sondern neu erbaut wurde.

Dieses Haus steht beispielhaft dafür, wie Menschen mit Behinderungen durch die rassenpolitischen Ziele des Nationalsozialismus bedroht waren.

Nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1934 wurden im Betheler Krankenhaus Nebo insgesamt 1.092 Patienten und Patientinnen aus den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel zwangssterilisiert. Bislang sind weitere mindestens 150 Bewohner und Bewohnerinnen bekannt, die im Betheler Krankenhaus Gilead sterilisiert wurden. Insgesamt stammten davon – so die bisherigen Erkenntnisse – 325 aus Eckardtsheim.

Ende Oktober 1939, zurückdatiert auf den 1. September 1939, hatte Adolf Hitler den Geheimbefehl erteilt, dass „unheilbar Kranken … der Gnadentod gewährt werden kann“. In Bethel ging man davon aus, dass in Eckardtsheim etwa 107 Menschen von der so genannten Euthanasie betroffen gewesen wären. Aus einer Auflistung geht hervor, dass dazu vor allem die Epilepsiekranken aus Ophra und die psychisch kranken Langzeitpatienten aus Tannenwald und Jericho gezählt hätten. Letztlich hatte Bethel nie eine Aufforderung zum Abtransport von Patienten und Patientinnen erhalten.

Anders sah es mit den jüdischen Patienten und Patientinnen aus. Als am 30. August 1940 das Reichsinnenministerium eine „Verlegung geisteskranker Juden“ angeordnet hatte, war davon auch ein Bewohner des Hauses Ophra betroffen: der 17-jährige Reinhard Beyth. Mit ihm wurden sechs weitere jüdische Patienten und Patientinnen aus den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in der Tötungsanstalt in Brandenburg/ Havel ermordet.

In den 1950er Jahren wurde das Haus Ophra mehrfach umgebaut und durch Anbauten erweitert. Im Laufe der Jahre lebten in Ophra nicht mehr nur junge Menschen mit Epilepsie und einer leichten geistigen Behinderung, sondern es zogen verstärkt schwerstmehrfach behinderte jüngere Menschen ein. In Ophra gab es noch bis in die 1970er Jahre die so genannten Torfbetten. Diese Betten hatten keine Matratzen, sondern Torf als Grundlage, der nach Einnässen und Einkoten gut beseitigt werden konnte. 1980 wurde das ursprüngliche Pflegehaus umgebaut und 1987 entstand ein Ergänzungsbau. Seit dieser Zeit werden auch Frauen aufgenommen.

Heute steht kein alter Gebäudekomplex mehr. In den Neubauten leben Menschen mit komplexen Behinderungen und Menschen mit herausforderndem Verhalten.

 

 

13 Gute Hoffnung

13 Gute Hoffnung

Im Jahr 1904 wurde das Haus Gute Hoffnung als Lungenheilstätte errichtet. Damit erschloss Bethel ein weiteres neues Arbeitsgebiet. Wenig später wurde in diesem Haus zusätzlich der allgemeinmedizinische Bereich für die Zweiganstalt Eckardtsheim ausgebaut, mit einem kleinen Krankenhaus, mit Allgemeinarzt, Zahnarzt und Apotheke.

Bei einem Besuch des Kaiserpaars in Bethel und Eckardtsheim im Jahr 1897 erhielt Friedrich von Bodelschwingh eine Geldsumme für eine Lungenheilstätte. Wegen der gesunden milden Luft und der ruhigen Lage galt Eckardtsheim als ideal für die Tbc-Heilbehandlung. Die Architektur von Gute Hoffnung orientierte sich an den damals neuesten Grundsätzen für Lungenheilstätten.

Doch die Nachfrage blieb schleppend, da inzwischen zahlreiche Einrichtungen dieser Art entstanden waren. Seit 1905/06 erhielt Gute Hoffnung eine zweite Funktion als Krankenhaus für die akut erkrankten Pfleglinge aus den Eckardtsheimer Häusern. Gleichzeitig entstand im Erdgeschoss eine ambulante allgemeinmedizinische Sprechstunde für Pfleglinge, Kolonisten und Mitarbeiter. Mit einer Apotheke, einer Röntgenabteilung und einer zahnärztlichen Praxis kamen nach und nach notwendige Versorgungseinrichtungen hinzu. Ein Anbau von 1913/14 trug diesem erweiterten Angebot Rechnung. Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg diente Gute Hoffnung als Lazarett. 

Als neue medizinische Behandlungsmethoden zum Einsatz kamen, konnte die Tuberkulosestation 1961 endgültig geschlossen werden. Nach umfangreicher Renovierung wurde im Haus Gute Hoffnung das medizinische Versorgungszentrum für Eckardtsheim weiterentwickelt.

Heute ist das Haus im Privatbesitz und wird für Praxen, Wohnungen und Kinderbetreuung genutzt.

Tipp: Westlich liegt das Ärztewohnhaus Neu-Aram. Die Nähe zum gegenüberliegenden Pfarrhaus verdeutlicht die Wichtigkeit der beiden zentralen Bereiche in der diakonischen Einrichtung: Seelsorge und medizinische Betreuung.

 

 

14 Friedrichshütte

14 Friedrichshütte

Unter dem Namen Friedrichshütte entstand hier im Jahr 1888 die erste Trinkerheilstätte der Anstalt Bethel. Der Bauernhof hieß ursprünglich Siggemannshof und wurde so eingerichtet, dass alkoholkranke Männer zur Behandlung aufgenommen werden konnten. 

Die Motivation für die Einrichtung von Trinkerheilstätten kam aus den Erfahrungen mit den Wanderern in der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf. Unter ihnen befanden sich nach damaligen Schätzungen rund 75 bis 80 Prozent Alkoholkranke. Sie sollten eine spezifische und längere Betreuung erhalten. Als Behandlungsmethode setzte man auf die christliche Hausordnung, die regelmäßige körperliche Arbeit in der Landwirtschaft sowie auf eine „einfache reizlose Nahrung“ und „völlige, lebenslängliche Enthaltsamkeit von geistigen Getränken.“ Der Aufenthalt sollte möglichst auf ein Jahr angelegt werden, „da ein kurzer Aufenthalt nach unseren Erfahrungen wirkungslos bleibt“, so ein Informationsheft aus der Zeit um 1900.

Im Ersten Weltkrieg war Friedrichshütte eine Lazarettabteilung. Die Arbeit mit alkoholkranken Männern wurde nach dem Krieg nicht weiterbetrieben. Männer mit einer geistigen Behinderung zogen in das Haus ein. 1945 wurde hier ein Altenheim für evakuierte Frauen aus Bremen eingerichtet. Auch in der Nachkriegszeit blieb Friedrichshütte ein Altenheim für Frauen, vor allem für Flüchtlinge und Vertriebene. 1951 entstand in einem Nebengebäude wieder eine Abteilung für Männer mit geistigen Behinderungen. 1957 siedelten die restlichen noch verbliebenen Frauen in das neu erbaute Altenheim Sonneck über.

Nach einem Umbau im Jahr 1984/85 kehrte das Haus sozusagen zu seinem Ursprung zurück: Hier wurden Wohngruppen für alkoholabhängige Frauen und Männer eingerichtet. Ende der 1990er Jahre ging die Nachfrage nach diesen Therapieplätzen zurück. Das Haus wurde im Jahr 2000 verkauft.

Heute ist der Gebäudekomplex verkauft; hier befinden sich Wohnungen.

 

 

15 Heidegrund

15 Heidegrund

Der ehemalige Schnatmannshof wurde 1891 von der Anstalt Bethel als Trinkerasyl eingerichtet. Das Haus hieß zunächst Wilhelmshütte, später Heidegrund. Schon knapp zwei Jahre später, im Jahr 1893, wurde das Haus zu einem Pflegehaus für Männer mit einer Epilepsie oder geistigen Behinderung umgewandelt.

1927 wechselten diese Bewohner in das Haus Rehoboth, stattdessen wurde das Haus für die Jugendfürsorgeerziehung genutzt und in Heidegrund umbenannt. Als 1935 durch die nationalsozialistische Politik dieser Aufgabenbereich zum Erliegen kam, zogen psychisch kranke Männer in das 60 Plätze bietende Haus ein. 

1984 wurde ein kompletter Neubau mit zusammenhängenden Gruppenbauten für Frauen und Männer gegenüber dem alten Heidegrund erstellt. Hier lebten Patienten aus dem Langzeitbereich Psychiatrie. Der Altbau wurde wenige Jahre später abgerissen. Seit 1993 erfolgte eine Aufteilung in einen Langzeit- und einen Klinikbereich; das Haus Heidegrund wurde Fachkrankenhaus für Psychiatrie.

Am Beispiel der Landwirtschaft des Hauses Heidegrund lässt sich die grundlegende Entwicklung dieses Arbeitsfeldes für Eckardtsheim verdeutlichen. Zum Haus Heidegrund gehörten ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen, die von den Bewohnern beackert wurden. Dazu kam ein Hausgarten für den Obst- und Gemüseanbau. Angrenzend zum Haus wurde ein kleiner Park geschaffen mit Blumen und Teichen, Büschen und Bäumen, der zur Erholung dienen sollte. Mit dem Ausbau der Werktherapieplätze und der zunehmenden Technisierung in der Landwirtschaft wurden die landwirtschaftlichen Flächen in Eckardtsheim Anfang der 1970er Jahre unter der Regie von Wilhelmsdorf zusammengelegt. Auch die Hausgärten verloren ihre Bedeutung und wurden zu Rasenflächen reduziert. Im Laufe der Jahre wurde die landwirtschaftliche Arbeit in Eckardtsheim komplett eingestellt. Die Ackerflächen wurden verpachtet oder für die Wohnbebauung genutzt.

Hier leben heute Frauen und Männer mit einer psychischen Erkrankung.

 

 

16 Hebron

16 Hebron

Im Jahr 1928 wurde das Haus Hebron errichtet. Es war ein Ersatz für ein gleichnamiges Haus in der Ortschaft Bethel. Hebron bot etwa 70 Plätze für Männer, die schwer an Epilepsie erkrankt waren und dazu noch als „unruhig“ und „schwierig“ galten. Aus diesem Grund entstand das Haus auch am Rand von Eckardtsheim.

Das Haus war nach den modernsten Standards der 1920er Jahre konzipiert. Obwohl Bethel immer auf die Offenheit seiner Häuser Wert legte, war Hebron von Anfang an als halbgeschlossenes Haus geplant. Nach und nach entwickelte es sich zu einer geschlossenen Einrichtung, weil überwiegend Patienten im Langzeitbereich eingewiesen wurden, die in anderen Häusern als untragbar galten. Auch als pädagogisches Druckmittel wurde Hebron eingesetzt. Wer in Bethel auffiel, dem wurde zunächst mit Eckardtsheim und dann mit Hebron gedroht, beziehungsweise der wurde nach Hebron verlegt. 

Viele Probleme des Alltags resultierten aus der beengten räumlichen Situation und der stetigen personellen Unterbesetzung. Seit Mitte der 1950er Jahre war Hebron mit mehr als 100 Männern vollkommen überbelegt. Der Personalbedarf konnte seit Anfang der 1960er Jahre kaum noch aus der Diakonengemeinschaft Nazareth gedeckt werden. Außerdem fehlte es an speziell geschulten Mitarbeitern für neue Therapie- und Behandlungsformen. Aber Hebron wurde auch zu dem Ort, von dem aus der Reformdruck auf die Anstalten wuchs. Neue Mitarbeiter kritisierten die autoritären Leitungsstrukturen und den tradierten Umgangsstil. Damit erreichten sie auch die jungen Diakonenschüler und Diakone in den anderen Einrichtungen. 

So kam seit Anfang der 1970er Jahre ein langwieriger Prozess von Umstrukturierung und Professionalisierung ins Rollen. Gleichzeitig eröffnete die Sozialgesetzgebung neue bauliche und therapeutische Möglichkeiten. Partnerschaftlich-demokratische Leitungsstrukturen wurden eingeführt, die Platzzahlen reduziert, Drei- bis Einbettzimmer eingerichtet. Eine Werkstatt, eine Kaffeestube und eine Wohngruppe entstanden. Möglichst viele Bewohner sollten in einen Lebenszusammenhang außerhalb der stationären Unterbringung integriert werden.

Doch seit Anfang der 1990er Jahre stand fest: Das veraltete Gebäude mit seiner isolierten Lage passte nicht mehr zu der neuen konzeptionellen Ausrichtung Eckardtsheims. Im Februar 1997 wurde Hebron geschlossen. 

Das Haus und die Werkstatt wurden 1999 an einen Bauträger aus Bielefeld verkauft. Hier entstanden Einfamilienhäuser, Reiheneigenheime und Eigentumswohnungen.

 

 

17 Rehoboth

17 Rehoboth

Auf dem ehemaligen Hof Niedermeyer am südöstlichen Rand von Eckardtsheim richtete die Anstalt Bethel 1886 das Haus Rehoboth ein. Hier leben Männer mit einer Epilepsie. Rehoboth war das erste Pflegehaus in Eckardtsheim, das nach Gründung der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf entstand. Arbeitsbereiche, wie es sie in Bethel bereits gab, wurden nun auch in der ländlichen Umgebung der Senne angesiedelt. Von da an schritt der Ausbau des späteren Eckardtsheims zu einer diakonischen Einrichtung voran. 

Für rund 60 Männer, vor allem für „gebesserte Epileptiker“, war das Haus geplant. Sie wurden vorwiegend in der Landwirtschaft beschäftigt. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Zahl der Jugendlichen in der Fürsorgeerziehung anstieg, fand von 1920 bis 1927 eine Umnutzung des Hauses für Fürsorgezöglinge statt. Danach wurde das Haus wieder seiner vorherigen Nutzung zugeführt. 

Bis in das Jahr 1966 waren noch die ursprünglich gebauten Schlafsäle für 10 bis 12 Personen vorhanden. Durch einen Umbau entstanden kleinere Zimmer, gleichzeitig wurden die Bewohnerzahlen reduziert. Seit den 1970er Jahren galt die Landwirtschaft als immer unrentabler, die Bewohner arbeiteten in der Werktherapie Noah. So wurden die Viehzucht und die Ländereien an die Landwirtschaft Wilhelmsdorf übergeleitet. 

1977 verlegte man die Bewohner in andere Eckardtsheimer Häuser. Pflegehaus und Wohnhaus wurden abgerissen, während in der ehemaligen Hofstation eine Wohngruppe für rehabilitierte Männer aus Wilhelmsdorf entstand. 

Der Neubau für ein gerontopsychiatrisches Pflegehaus am Fliednerweg bekam 1983 den Namen Rehoboth. 

Heute sind die Gebäude und die Ländereien teilweise verpachtet bzw. verkauft. Der „Förderverein therapeutisches Reiten e.V.“ Eckardtsheim hat hier seinen Sitz.

 

 

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