Wilhelmsdorf

Wilhelmsdorf um 1950.

In Wilhelmsdorf begann die Arbeit der späteren Ortschaft Eckardtsheim. Auf einem großen Hof mit ausgedehnten Ländereien entstand 1882 die erste deutsche Arbeiterkolonie. Hierher kamen arbeits- und wohnungslose Männer und fanden für einige Monate Unterkunft und Beschäftigung. Sie hatten sich einem streng reglementierten Arbeitsalltag zu unterwerfen. So sollten sie auf die Eingliederung in das Arbeitsleben vorbereitet werden.

Industrialisierung und Urbanisierung hatten viele soziale Probleme mit sich gebracht. Die evangelische Wohlfahrtspflege versuchte auf die Wohnungs- und Arbeitslosigkeit zu reagieren, indem sie ein Netz von Arbeiterkolonien aufbaute. Das christlich-konservativ motivierte Fürsorgekonzept stand unter dem Leitgedanken „Arbeit statt Almosen“.

Ein Wanderer aus der Arbeiterkolonie Wilhelmdorf, 1930.

Die Männer in der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf hatten in der Anfangszeit vor allem die brachliegenden Flächen zu kultivieren und die wasserundurchlässige Schicht aufzubrechen. Danach wurde die Senne fruchtbar. Wilhelmsdorf entwickelte sich zu einem großen landwirtschaftlichen Betrieb und zu einem kleinen Dorf im Dorf.

Im Nationalsozialismus unterlagen Wanderer und Obdachlose einer rigiden Verfolgungspolitik. Nach Wilhelmsdorf kamen immer weniger Kolonisten. Doch die Ernährung der Patienten und Patientinnen in Bethel und Eckardtsheim musste aufrechterhalten werden. So leisteten während des Zweiten Weltkriegs zwischen 23 und 40 vorwiegend russische Kriegsgefangene, die landwirtschaftliche Arbeit. Sie waren direkt in einem Arbeitskommando in Wilhelmsdorf untergebracht.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Wilhelmsdorf eine Arbeiterkolonie. Erst die Reformdiskussionen in der Wohnungslosenhilfe der 1980er Jahre führten zu einer Umorientierung. Die stationären Angebote liefen nach und nach aus. An deren Stelle traten dezentrale Hilfeangebote und ambulante soziale Dienste. Das Jahr 1999 brachte dann das Ende der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf als stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe.

Vor Erfindung der Melkmaschine: Melken mit der Hand damals in Wilhelmsdorf.

Melken mit moderner Technik in den 1960er Jahren in Wilhelmsdorf.

Wilhelmsdorf war im Laufe seiner Geschichte immer Ausgangspunkt vieler Feste. Ein besonderer Höhepunkt im Jahr war das Erntefest, das in Wilhelmsdorf seinen Ausgangspunkt und auf der Bruchwiese sein Ziel fand. Noch heute gibt es das Erntedankfest auf Gut Wilhelmsdorf, das von den Pächtern, den Nachbarn des Hofes, der Zionsgemeinde und weiteren Ortschaftsgruppen gestaltet wird.

Heute befindet sich auf dem Gelände unter anderem das Altenheim Boysenhaus. Der größte Teil des Geländes, der Gebäude und die gesamte Landwirtschaft sind verpachtet oder verkauft. Der Biolandbetrieb „Gut Wilhelmsdorf“ hat sich hier etabliert.